Sie lesen die Ausgabe: Frankfurter Börsenbrief vom 22.09.2022

Nr. 38/22 Frankfurter Börsenbrief

Bernecker Briefkopf
Actienboerse Briefkopf

Zur aktuellen Marktlage:


Das Umfeld für Aktien ist weiterhin angespannt.

Wir sehen zwar Chancen, dürfen aber die Risiken unterhalb der Oberfläche nicht unterschätzen. Die Fed hat in der Berichtswoche agiert wie erwartet. US-Notenbank-Chef Jerome Powell hat erneut deutlich gemacht, dass die Inflationsbekämpfung oberste Priorität hat. Die Fed hat wie erwartet die Zinssätze zum dritten Mal in Folge um 75 Basispunkte angehoben und noch aggressivere Erhöhungen angekündigt, als der Markt bisher erwartet hatte. Die Notenbanker haben in Aussicht gestellt, dass die Zinssätze bis zum Ende dieses Jahres 4,4 % und im Jahr 2023 4,6 % erreichen werden. In den sogenannten Dot Plots (siehe Chart) wird diese aggressivere Ausrichtung deutlich. Das bedeutet, dass im November eine vierte Zinserhöhung um 75 Basispunkte in Folge anstehen könnte. Vor allem wird per 2023 mit einem Leitzinsband zwischen 4,5 und 4,75 % gerechnet, so hoch wie lange nicht. Das passt nicht zum rezessiven Umfeld, in dem die Preise für gewöhnlich sinken, sodass das Thema Stagflation präsent bleibt.


Powell warnte zudem ausdrücklich auch vor dem heißen US-Immobilienmarkt, der im Zuge der Zinserhöhungen mindestens eine Korrektur erleiden wird.

Die Häuserpreise fallen ohnehin bereits deutlich. Den Einbruch spüren die sogenannten Home-Flipper, also Plattformen wie Opendoor und Zillow, die basierend auf KI Häuser kaufen und verkaufen, massiv. Opendoor als Pionier des datengesteuerten Immobilienhandels, der in einem typischen Monat Tausende von Häusern verkauft, hat im August bei 42 % seiner Transaktionen Geld verloren. In Schlüsselmärkten wie Los Angeles und Phoenix lagen die Verlustanteile mit 55 % beziehungsweise 76 % noch deutlich höher. 


Angesichts der Tatsache, dass die US-Hypothekenzinsen mittlerweile ein Niveau erreicht haben, das über dem vor der Finanzkrise liegt, schwelt unter der Oberfläche ein weiteres Risiko am US-Immobilienmarkt.

Vor 2 Jahren lag der 30-jährige Hypothekenzinssatz bei rd. 2,9 % und der Durchschnittspreis für ein bestehendes Haus in den USA bei 310.000 $. Heute liegt der Hypothekenzins bei 6,02 % und der durchschnittliche Hauspreis bei 390.000 $. Das entspricht einer Erhöhung der monatlichen Zahlung um 82 % von 1.029 auf 1.872 $. Einer Abschwächung am Häusermarkt folgen jeweils mit mehreren Monaten Zeitverzug die Auftragseingänge, was bereits ersichtlich ist und an dieser Stelle schon mehrfach deutlich gemacht wurde. 


Danach folgen Ergebnisrevisionen aus dem Unternehmenssektor, was  ebenfalls bereits Fakt ist, nachdem die Gewinnschätzungen per 2023 für den S&P 500 seit Juni von 251 $ auf nunmehr 243 $ eingedampft wurden.

Der einzige Hoffnungsschimmer (aber auch Inflationstreiber) ist der robuste Arbeitsmarkt. Sollte es hier im Rahmen der sicheren Rezession zu größeren Problemen kommen, droht eine Wiederholung von 2008. Wie das im Chartbild aussieht, zeigt der Zeitreihenvergleich in der unten stehenden Grafik. Der aktuelle Verlauf beim S&P 500 und der Verlauf 2008 sind bisher fast deckungsgleich. Das heißt natürlich nicht zwingend, dass es wieder so kommen wird, aber es reicht, um vorsichtig zu bleiben. 


Aus Europa kommen ebenso keine guten Nachrichten.

Die Eskalationsspirale im Ukrainekonflikt dreht sich weiter, die Energiekrise trägt Züge der aus 2008 bekannten Bankenkrise mit Verstaatlichungen wie im Falle von Uniper und milliardenschweren Hilfstransfers, die Zweifel an der Finanzierbarkeit bzw. der Tragfähigkeit der Staatshaushalte nach sich ziehen. Alles in allem sieht es danach aus, dass die Kaufchancen noch einmal günstiger werden. Die Markttechnik hat sich im Wochenverlauf verschlechtert. Der DAX notiert an seiner wichtigen Unterstützung rd. 100 Punkte über dem entscheidenden Tief bei rd. 12.400 Punkten. Bei Unterschreiten dürfte es noch einmal ungemütlich werden. 


Beim S&P 500 hat sich der Abwärtstrend weiter verfestigt, die Zone zwischen 3.650 und 3.800 Punkten ist hier die wichtige Unterstützung.

Weder Markttechnik noch Faktenlage ermuntern uns, über selektives Stock Picking hinauszugehen. Wir bleiben bei hohen Cashquoten in den Depots.

Inhalt:

Märkte unter Druck: Parallelen zur Finanzkrise
Ceconomy: Futter für Heuschrecken?
Henkel: E-Mobility treibt an
United Internet: Ionos als Kurstreiber
Logitech: Neue Fantasie
Adobe: Wirklich zu teuer eingekauft?
Musterdepot konservativ: Porsche kommt günstig
Musterdepot spekulativ: Qualcomm nur noch mit KGV 10
Empfehlungsliste: Alle Aktien im Check

DEUTSCHLAND


Ceconomy: Wann kommen die Heuschrecken?

Für Einzelhändler sind wir, wie mehrfach angesprochen, vorerst aufgrund der steigenden Lebenshaltungskosten bzw. der rückläufigen verfügbaren Einkommen noch skeptisch. Wir machen davon aber eine Ausnahme: Es geht um Ceconomy. Die Gruppe um MediaMarkt und Saturn gibt es aktuell für 675 Mio. €, nachdem die Aktie im laufenden Jahr fast zwei Drittel an Wert verloren hat. Die Entwicklung ist ein Spiegelbild für den Handel insgesamt. 
Ceconomy hatte die Jahresprognose mit der Vorlage der 9-Monatszahlen im August korrigiert, um der erodierenden Verbraucherstimmung bedingt durch Inflation und Energiekosten Rechnung zu tragen. Der Umsatz soll auf Vorjahresniveau (21,4 Mrd. €) liegen, beim EBIT erwartet die Gruppe 150 bis 210 Mio. €. Dennoch: 675 Mio. € für MediaMarkt und Saturn mit 21 bis 22 Mrd. € Jahresumsatz und 150 bis 200 Mio. € Gewinn sind eine echte Verlockung. Allein der aktuelle Warenbestand (3,4 Mrd. €) abzüglich der Nettoschulden (2,5 Mrd. €) ist mehr wert. Zwar ist bei Elektronik die Werthaltigkeit überschaubar, dennoch ist davon auszugehen, dass die eine oder andere Heuschrecke intensiv rechnet, was bei Ceconomy machbar ist. Vielleicht auch ein Insider. Denn:
Bei der Aktie gab es zuletzt etwas Bewegung im Aktionärskreis. Convergenta Invest, also die Familie Kellerhals, ist in den letzten Tagen massiv als Käufer in der Aktie aufgetreten. Insgesamt hat sich der mit bisher 28 % der Aktien größte Einzelaktionär für rd. 6 Mio. € über den Markt mit weiteren Ceconomy-Aktien eingedeckt. Das ist knapp 1 %, sodass die Familie Kellerhals nun bei rund 29 % liegen dürfte. Über die Motivation hinter den Aktienkäufen kann man aktuell nur spekulieren. Man kann das als Stützungskäufe deuten, um den Kursverfall zu stoppen, oder Convergenta will die Beteiligung bewusst auf 30 % und mehr ausbauen. Letzteres würde bedeuten, dass ein Pflichtangebot fällig wird, was nach unserer Berechnung bei knapp 1,83 € liegen müsste. Die finanziellen Mittel für weitere Zukäufe liegen vor. Die Familie Kellerhals hat im Zuge der Bereinigung der komplexen Gesellschafterstruktur, die jegliche Umstrukturierung des Konzerns unmöglich machte, zusätzlich zum Aktienpaket 130 Mio. € in bar erhalten, die man einsetzen kann, um den Einfluss bei günstigen Kursen auszubauen. Der Betrag reicht theoretisch, um Richtung 50 % zu kommen. Die Frage ist, was die restlichen Großaktionäre tun, sprich, ob diese die Notbremse ziehen?


Die strategischen Optionen für potenzielle Firmenkäufer sind vielfältig.

Trennung von MediaMarkt und Saturn, Verkauf einzelner Gesellschaften, Trennung und Weiterentwicklung von Online- und stationärem Geschäft. Letzteres hat durchaus Charme, da man bereits rd. ein Viertel der Umsätze online erwirtschaftet und eine neue Wachstumsperspektive schafft, die durchaus eine Umsatzdimension von 10 Mrd. € (aktuell gut 6 Mrd. €) erreichen kann. Was wäre aus einem E-Commerce-Spezialisten an der Börse dann machbar? Man darf davon ausgehen, dass bei einschlägigen Buy-out-Firmen Modelle gerechnet werden. Aber auch seitens der Konkurrenz: Migros etwa werden mit der E-Commerce-Tochter Digitec Galaxus Ambitionen auf dem deutschen Markt nachgesagt. Angesichts der Aktionärsstruktur ist eine interne Lösung wohl die einfachere. Die Aktie ist noch im Abwärtstrend, in dem Fall greifen wir aber in das fallende Messer, um auf dem aktuell günstigen Kursniveau zumindest dabei zu sein und legen ggf. nach.


Henkel: E-Mobility als  Wachstumstreiber

Der Düsseldorfer Konzern steht für Kosmetik-, Wasch- und Reinigungsmittel sowie Klebstofflösungen mit Marken wie Persil, Schwarzkopf oder Pattex. Die Kurshalbierung vom Hoch aus dem Jahr 2017 spiegelt den notwendigen Umbau des Konzerns wider. Seit 2022 steht Kosmetik und Waschmittel als einheitliche Sparte neben dem Klebstoffbereich. Letzterer ist auch der Grund für mehr Optimismus bei Henkel. Zum Kapitalmarkttag hat man die Wachstumsprognose angehoben.Statt eines organischen Umsatzwachstums von 4,5 bis 6,5 % sollen es nun 5,5 bis 7,5 % werden. Wachstumsgarant ist das Klebstoffgeschäft, welches um 10 bis 12 % zulegen soll und damit zwei Prozentpunkte mehr als bisher angenommen. Der Wandel zur Elektromobilität ist für die Sparte ein wichtiger Wachstumstreiber. Leichtbaukarosserien, Sicherheitsgläser, Lithium-Ionen-Batterien, Displays etc. - sie funktionieren nur mit Klebstoffen. Ergo: In E-Autos wird gegenüber Verbrennern mehr Klebstoff eingesetzt. Je Fahrzeug geht man von einem Mehrverbrauch um den Faktor 2,5 (ca. 250 €) aus.
Die Henkel-Aktie wird aktuell mit einem 14er-KGV für 2023 gehandelt, das ist ein Abschlag von 30 % gegenüber dem europäischen Sektor für Nahrung und Haushaltswaren. Im 10-Jahres-Durchschnitt war bisher ein Abschlag von ca. 17 % üblich. Grund genug, die Aktie um 60 € langsam einzusammeln, die technische Bodenbildung läuft.


Kursschub dank Ionos-IPO?

Der Börsengang von Porsche bei VW ist das Paradebeispiel, wie man versteckte Werte hebt. Bei United Internet will man nun den Börsengang der Cloud- und Webhostingtochter Ionos vorantreiben. UI-Chef Ralph Dommermuth baut den Konzern um. United Internet ist im Umbruch. Die Sparte um die Maildienste GMX und Web.de mit 279 Mio. € Umsatz (2021) steht zum Verkauf und 1&1 (4,4 Mrd. € Umsatz) arbeitet mit Hochdruck am Bau des vierten deutschen Mobilfunknetzes. Die milliardenschweren Erlöse kommen also wie gerufen. 
Ionos steht für gut 1 Mrd. € Umsatz und gut 315 Mio. € EBITDA. An der Börse erhalten derartige Cloud-Firmen eine 3,5- bis 10-fache Umsatzbewertung, teils sogar mehr, der Schnitt liegt beim ca. 8-fachen Umsatz. Am besten vergleichbar ist Ionos mit GoDaddy mit knapp 12 Mrd. $ Börsenwert und 4 Mrd. $ Umsatz. Rechenbar ist für Ionos vor diesem Hintergrund eine Bewertung von 3,5 bis 4,5 Mrd. €, im günstigen Fall etwas mehr, macht 2,6 bis 3,4 Mrd. € anrechenbar für UI, da Warburg Pincus rund 25 % an Ionos hält. Dazu kommt noch der 78- %-Anteil an 1&1 in Höhe von 2,1 Mrd. €. Sprich: Der aktuelle Börsenwert ist mehr als abgedeckt. 
Was ist ein mit eigenem modernen Mobilfunknetz ausgestatteteter Telekom-Konkurrent wert, der sich mit eigenem Netz hohe Netzentgelte spart? Die Aktie befindet sich technisch gesehen noch im Abwärtstrend, die Bewertung ist aber verlockend. Wir raten zum Staffeleinstieg in mehreren Schritten.

EUROPA


Logitech: Neue Stoßrichtung

Die Schweizer Logitech gehörte in den letzten zwölf Monaten zu der großen Gruppe der Werte, die insbesondere durch das Verschwinden der Corona-Fantasie am Kapitalmarkt wieder zurechtgestutzt wurden. Als Hersteller von Computer-Peripherie wie Tastaturen und anderen Eingabegeräten (Mouse) hatte das Unternehmen von der ganzen Stay-at-home-Tendenz inklusive Homeoffice während der Hoch-Zeit der Corona-Pandemie profitiert. Als das in der öffentlichen Wahrnehmung sein Ende fand, stürzte die Aktie um derzeit rund zwei Drittel wieder ab. Damit befindet sich der Kurs aktuell fast exakt auf dem Ausgangspunkt vor der Pandemie. Dabei hat Logitech einiges zu bieten, was für einen Turnaround spricht. Logitech steht zwar in einem harten Wettbewerb, zeichnete sich allerdings in den vergangenen Jahren immer wieder durch einen hohen Innovationszyklus aus. 

Ein Aspekt, der gerade aktuell wieder besonders in den Fokus rückt. Denn die Schweizer schaffen momentan einen eigenen Paradigmenwechsel. Ging es bislang um Peripheriegeräte, will das Unternehmen nun auch in den Endgeräte-Sektor. Dafür lancierte man eine eigene Spielekonsole, die ein bisschen an die mobile Konsole Switch von Nintendo erinnert. Das Besondere daran: Offenbar setzt Logitech damit vor allem auf das Cloud-Gaming. Anstoß dafür gab die neue Partnerschaft mit Tencent Gaming. Damit wagt man sich in einen Bereich, der eigentlich von solchen Größen wie Sony, Microsoft und Nintendo besetzt ist. Allerdings steckt Cloud-Mining noch in den Kinderschuhen und ist bislang auch noch nicht in den besonderen Fokus der großen Konsolen-Hersteller geraten. Insofern hat Logitech jetzt sicherlich Chancen, eine profitable Nische zu besetzen. 


Allerdings: Aktuell sind die Kursverluste sicherlich nachvollziehbar, da Logitech in einem Normalisierungsprozess steckt.

So hatte man für das erste Fiskalquartal per Ende Juni einen Umsatzrückgang um 7 % melden müssen, was sich auch beim Gewinn je Aktie niederschlug mit einem Ergebnis von nur noch 0,71 statt 1,12 CHF je Aktie im Vorjahr. Für das Gesamtjahr rechnet der Markt hier mit einem Gewinnrückgang auf der Basis Ergebnis je Aktie von rund 22 % und beim Umsatz um gut 10 %. Jedoch sollte es Logitech gelingen, bereits im nächsten Jahr wieder ein deutliches positives Wachstum zu schaffen. So gehen die Marktschätzungen von einem möglichen Gewinnwachstum um rund 20 % aus. Dies einer KGV-Schätzung von rund 11 gegenübergestellt, zeigt auf, dass hier inzwischen eine Unterbewertung zum Wachstumspotenzial feststellbar ist. 

Fazit: Logitech ist nach der Sonderkonjunktur wegen Corona wieder auf dem Boden der Realität angekommen. Ein mittel- bis langfristiges Wachstumspotenzial entsteht allerdings aus der hervorragenden Marktpositionierung sowie aus der strategischen Entscheidung, jetzt auch in den Endgeräte-Sektor zu gehen. Damit dürfte die Korrektur in der Aktie zu einem Ende kommen. Wir setzen darauf, dass das beschriebene Niveau hier als Basis für eine Bodenbildung dient. Wir werden nicht vorgreifen, aber in Erwartung eines Turnarounds ein erstes Stop-Buy bei 51,30 CHF bzw. 53,20 € auslegen.

USA


Adobe mit Übernahme: Zu teuer?

Der amerikanische Spezialist für Grafik- und Design-Software, Adobe, geriet in den vergangenen Handelstagen an der Börse in erhebliche Turbulenzen. Auslöser hierfür war die angekündigte Übernahme von Figma. Dahinter verbirgt sich ein Spezialist für sogenanntes kollaboratives Arbeiten. Konkret bietet Figma eine Internet-Plattform an, auf der Teams bei gemeinsamen Design-Projekten nahtlos zusammenarbeiten können. Ein Tätigkeitsfeld, in dem Adobe bereits mit seinem XD-Produkt ebenfalls unterwegs war (wie auch andere Start-ups). Wie Marktanalysen allerdings zeigten, hatte Figma bislang eindeutig die Nase vorn. 

Adobe macht also das, was viele andere Technologiefirmen schon vorher gemacht haben: Kann man in einem Gebiet nicht aus eigener Kraft wachsen, kauft man sich den innovativen Marktführer. Aber zu welchem Preis! Denn Adobe bezahlt für Figma 20 Mrd. $, was es zur größten Übernahme in der Adobe-Historie macht. Und das bei einem derzeitigen Jahresumsatz von nur 400 Mio. $. Da kann man sich schon jetzt eigentlich an allen Fingern abzählen, dass Adobe in den nächsten Jahren hier wohl erhebliche Abschreibungen vornehmen wird. Dennoch könnte sich dieser Deal nachhaltig lohnen. Zum einen könnte Adobe mit einer Änderung der bisherigen Preisstruktur sicherlich etliche bisherige Free User zu Bezahl-Kunden machen. 

Das Spannendste ist allerdings die Marktpositionierung von Figma. Denn die Plattform wird nicht nur für reine Design-Projekte genutzt, sondern ist auch sehr beliebt bei Softwareentwicklern. Und damit käme Figma bzw. jetzt Adobe in den sogenannten DevOps-Markt, der über erhebliches Wachstumspotenzial verfügt, wobei Adobe den Vorteil hat, bereits mit seinen Standard-Softwareprodukten hier im Unternehmenssektor stark positioniert zu sein. 


Fazit:

Es bleibt eine sehr teure Übernahme, die aktuell mit den Fundamentaldaten nicht übereinstimmt. Dass die Adobe-Aktie daraufhin abgestraft wurde, ist mehr als nachvollziehbar. Allerdings handelt es sich hier in der strategischen Perspektive um eine echte Perle, deren Übernahme Adobe gleich drei Vorteile verschafft: Man sichert die eigene Positionierung im Wettbewerb ab, muss nicht zusätzlich Geld investieren, um auf einen ähnlichen technologischen Stand zu kommen und als Drittes schafft man sich damit die Möglichkeit, im weiterhin wachstumsstarken Bereich der Softwareentwicklung stärker Fuß zu fassen. Insofern bleibt Adobe sehr interessant, für neue Käufe bedarf es allerdings erst einmal einer Bodenbildung. Wir würden hier aber schon einmal ein Stop-Buy bei 315 € für eine Anfangs-Position auslegen.

KONSERVATIVES MUSTERDEPOT


Die Angebotsfrist für Porsche läuft

Die Angebotsfrist für den Börsengang der VW-Sportwagentochter läuft seit 20. September, der Handelsstart soll am 29. September erfolgen. Die Wolfsburger wollen mit dem Porsche-Börsengang bis zu 9,4 Mrd. € aufbringen. Wegen der turbulenten Finanzmärkte peilt Volkswagen eine Bewertung von 70 bis 75 Mrd. € an. Früher war von bis zu 85 Mrd. € die Rede. Damit liegt man in der Mitte der genannten Taxen von 60 Mrd. bis 85 Mrd. €. Wir hätten sogar eine noch geringere Bewertung erwartet, die veröffentlichte Spanne spricht aus unserer Sicht für eine robuste Investorennachfrage. Laut VW werden Qatar Investment Authority, der norwegische Staatsfonds sowie T. Rowe Price und ADQ als weitere Ankerinvestoren Vorzugsaktien im Wert von bis zu 3,7 Mrd. € zeichnen. 

Die Familie Piëch/Porsche wird wie geplant 25 % plus eine stimmberechtigte Stammaktie von Porsche mit einem Aufschlag von 7,5 % auf die Vorzüge erwerben. Damit hat man die Sperrminorität und Einfluss auf künftige wichtige Entscheidungen. Finanzieren wird die Familie den Deal mit bis zu 7,9 Mrd. € aus Fremdkapital und über eine Sonderdividende von VW, also faktisch durch die Zeichner der Vorzugsaktien. VW kommt aktuell auf 88 Mrd. € Börsenwert, Porsche deckt also 80 bis 85 % des Wertes von VW ab. VW bleibt damit ein Kauf, beim Neuling Porsche raten wir zur Zeichnung und gehen von entsprechenden Zeichnungsgewinnen aus. 

Unser Kauflimit für die Holding der Familie (Porsche SE) wurde am vergangenen Freitag leider um 26 Cent verpasst. Wir lassen die Order per Ende September auslaufen, gehen aber nicht davon aus, dass sie noch gefüllt wird, da der Wert aufgrund der hohen Investorennachfrage nach neuen Porsche-Aktien bereits jenseits von 70 € notiert. Gegebenenfalls widmen wir uns im Depot je nach Börsenkurs nach dem Listing der Sportwagentochter.

Depot:


SPEKULATIVES MUSTERDEPOT


Qualcomm: KGV 10 als Einladung

Unser Depotwert Qualcomm tut sich im aktuellen Umfeld schwer. Abgesehen davon, dass das steigende Zinsumfeld auf das Sentiment gegenüber Tech-Aktien drückt, sind Investoren auch speziell bei Chip-Aktien wegen der möglichen Liefereinschränkungen nach China, der rückläufigen Verkäufe bei Computer-Hardware und der inflationsbedingt mäßigen Smartphone-Nachfrage zurückhaltend. Entsprechend ist die Aktie vom Zwischenhoch bei 150 $ im August wieder deutlich zurückgefallen.

Die Folge ist, dass das KGV für Qualcomm per 2023 wieder bei unter 10 liegt. Das lässt vermuten, dass der Abschwung in den genannten Märkten und das Zinsumfeld bereits vollständig oder zumindest zum großen Teil eingepreist sind. Die Perspektive, dass Qualcomm gute Aussichten auf deutlich mehr Erlöse bei Chips für den Automotive-Sektor - Stichwort digitales Chassis - hat, werden ebenso wenig eingepreist wie die neuen Ambitionen auf dem PC-Markt und bei AR-/VR-Headsets. Zugleich besteht die Chance, dass man sich mit eigenen Serverchips auf ARM-Architektur einen neuen Markt erschließt, was, wie mehrfach angedeutet, den für Qualcomm adressierbaren Markt auf 700 Mrd. $ vervielfacht. 
 
Zugute kommt Qualcomm, dass die OEMs vor allem im Smartphone-Markt nur schwer auf den Spezialisten verzichten können. Bei Apple bleibt man Hauptlieferant für 100 % der 5G-Chips, was angesichts der offenbar robusten Nachfrage nach den neuen iPhone-Modellen für Stabilität sorgt. Hinzu kommt: Mit weiteren Features dehnt man den Content in den Geräten aus. Das iPhone 14 verfügt über einen von Globalstar bereitgestellten Satellitenservice, über den man ohne verfügbare Netzverbindung zum Beispiel einen Notruf absetzen kann. Die Verbindung zum Satellitennetzwerk bewerkstelligt ein Qualcomm-Chip. Dieses Feature ist nur in wenigen Smartphones verfügbar, sollte aber mit ähnlichen Funktionen bei Konkurrenten mehr an Bedeutung gewinnen. Womöglich auch über reine Notruf-Funktionalitäten hinaus. Unter dem Strich bleibt es bei unserer Einschätzung: Wären wir noch nicht investiert, würden wir uns auf dem aktuellen Niveau einkaufen.

Die restlichen Depotwerte halten sich angesichts des Umfeldes gut. Bei Vitesco Technologies hält die 50 €-Marke, Warburg Research hat die Aktie frisch mit einem Kaufen-Rating und Kursziel 78 € versehen. Vitesco entwickelt sich laut Analysten zu einem „Elektrifizierungsschwergewicht“. Dem ist nichts hinzuzufügen, dabeibleiben.

Depot:


EMPFEHLUNGSLISTE

Teil I:


Teil II:


IMPRESSUM

Redaktion:

Markus Horntrich (verantwortlich),

Carsten Müller,

Helmut Gellermann

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